Die Geschichte hinter der App

Warum es Nahdabei gibt

Von Raul Gabriel Nagy

Paiu Lucia mit ihrem Sohn Raul Gabriel Nagy im Garten in Battonya, Juni 2026
Battonya, Juni 2026. Der 70. Geburtstag meiner Mutter.
Zwei Tage später bin ich nach Deutschland gefahren.

Zwei Tage

Meine Mutter heißt Paiu Lucia. Die meisten nennen sie Buni Luci. Wir haben zusammen in Battonya gelebt, einem kleinen Ort in Ungarn, direkt an der rumänischen Grenze.

Zwei Tage nach diesem Foto bin ich weggefahren. Nicht, weil ich wollte, sondern weil man Geld verdienen muss. Ich habe Arbeit in Flensburg gefunden, bei einer Personalvermittlung, ganz oben in Deutschland an der dänischen Grenze. Das sind rund 1.300 Kilometer.

Der Anruf meiner Schwester Henriette

Einen Monat später hat Henriette angerufen. Kein normaler Anruf — ein Videoanruf über WhatsApp.

Ich habe abgenommen und meine Mutter gesehen. An Kabeln. Erschöpft. In einem Bett, in dem sie am Tag davor noch nicht gelegen hatte. Schlaganfall.

Ich konnte nicht sprechen. Ich habe nur geweint. Wir hatten schwere Zeiten miteinander, und sie war der Mensch, der zu mir gehalten hat, als andere mich weggeworfen haben. Zu so jemandem hat man eine Verbindung, die sich nicht erklären lässt — und die man nicht durch ein Handydisplay erträgt, in einem fremden Land, zwischen zwei Arbeitstagen.

Den Schock werde ich nie vergessen. Ich spüre ihn noch, während ich das hier schreibe.

Was mir gefehlt hat

In den Tagen danach habe ich verstanden, was das eigentliche Problem ist, wenn man weit weg ist. Es ist nicht die Entfernung.

Es ist, dass man mit allen einzeln telefonieren muss — und trotzdem niemand das ganze Bild hat.

Henriette. Die Ärzte. Die Betreuerinnen. Jedes Gespräch fing wieder von vorn an, jedes Mal dieselben Fragen, und am Ende saß ich in Deutschland und wusste nicht mehr, was ich eigentlich wusste. Welche Tablette, seit wann, wer war zuletzt da, was hat der Arzt genau gesagt.

Ich wollte einen Ort, an dem das alles steht. Einen, den alle sehen, die sich kümmern. Es gab keinen, der zu uns gepasst hätte. Also habe ich angefangen, einen zu bauen — erst für uns, dann für andere Familien.

Meine Schwester Henriette

Ich muss etwas sagen, das in solchen Geschichten meistens fehlt: Ich war nicht da. Meine Schwester Henriette war da.

Henriette lebt in Arad und hat alles Schwere auf sich genommen — die Organisation, die Ämter, die Klinik, die tausend Dinge, die niemand sieht und für die sich niemand bedankt. Dafür bin ich ihr dankbar, mehr als hierhin passt.

In fast jeder Familie gibt es diesen einen Menschen, der alles trägt. Nahdabei ist auch für sie gebaut.

Was im Zentrum passiert ist

Das Schwerste kam nicht in der Nacht des Schlaganfalls. Es kam später — als sie längst im Rehabilitationszentrum in Arad war. Also dort, wo Fachleute auf sie aufpassen.

Ein Helfer hat sie auf die Toilette gesetzt und sie dort vergessen. Sie war allein. Sie ist gefallen, ihre linke Seite gehorchte nicht mehr, und sie hat sich den Kopf am Waschbecken angeschlagen. Die Tür war zu.

Sie ist zur Tür gekrochen. Sie hat sich irgendwie hochgezogen, bis sie die Klinke erreichte. Als die Tür aufging, ist sie hingefallen und liegen geblieben. Dort hat man sie später gefunden.

Ich weiß bis heute nicht, woher sie die Kraft genommen hat. Sie hat nicht aufgegeben. Das hat sie noch nie.

Ich schreibe das nicht, um jemandem einen Vorwurf zu machen. Ich schreibe es, weil darin der ganze Punkt steckt: Auch wenn Fachleute da sind, muss jemand hinsehen. Und wer weit weg ist, kann nur hinsehen, wenn ihm jemand sagt, was passiert ist.

Wie es ihr heute geht

Meine Mutter ist jetzt in einem Rehabilitationszentrum in Arad, nicht weit von Battonya. Sie macht jeden Tag Therapie.

Es gibt Tage, da ist sie stark. Und es gibt Tage, an denen sie keine Kraft findet und sich wundert, wie schnell alles vorbei sein kann — wie schnell so etwas passiert, und wie wenig man als Familie darauf vorbereitet ist.

Inzwischen schafft sie es allein aus dem Bett in den Rollstuhl. Sie hat dort einen Mann kennengelernt, der auch einen Schlaganfall hatte, aber mit einer Gehhilfe laufen kann. Zwei-, dreimal am Tag holt er sie ab. Er macht einen Schritt und zieht meine Mutter hinter sich her, wie im Film, und dann sitzen die beiden auf der Terrasse mit einer Zigarette und einem Kaffee.

Abends darf man das Zimmer nicht verlassen. Diese beiden Banditen schaffen es trotzdem jedes Mal zu ihrer Zigarettenpause.

Das macht meine Mutter glücklich. Und genau darum geht es.

Warum ich das öffentlich erzähle

Ich hoffe, dass Nahdabei Familien in genau diesem Moment zusammenhält. In dem Moment, in dem das Telefon klingelt und man tausend Kilometer weit weg ist und nichts tun kann außer zu wissen, was los ist — und dafür zu sorgen, dass alle anderen es auch wissen.

Seit diesem Tag ist mir jeder kleine Moment mit den Menschen um mich herum wichtig. Das ist das Einzige, was ich aus der Sache mitgenommen habe, das etwas wert ist.

Raul Gabriel Nagy

Raul Gabriel NagyFlensburg, im August 2026
Ich habe Nahdabei gebaut. Wenn ihr Fragen habt, schreibt mir — ich antworte selbst.

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